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Interview John Turturro

Interview: Carmine Carpenito

John Turturro: «Wir waren alle Mistkerle»

Er war der heimliche Star unter all den liebevoll skurrilen Figuren im Kultfilm THE BIG LEBOWSKI: Der Bowler Jesus, gespielt von John Turturro. Und diese Figur hat ihn nicht nur nie losgelassen, nein, nun hat er sie neu entdeckt und daraus ein Spin-off gemacht. Wie er das machte, verrät er uns im Videocall.

John Turturro, bezüglich JESUS ROLLS mussten Sie sich dann schon mal sagen: «Wenn ich es jetzt nicht mache, dann werde ich es nie machen»? Ja sicher. Ich hatte etwa neun oder zehn Jahre vor THE BIG LEBOWSKI eine Rolle, die war quasi der Onkel der heutigen Rolle. Eine Art Template, wenn man so möchte. Wir machten noch ein paar Änderungen daran. Ich dachte wirklich es wäre eine grössere Rolle, doch das war es nicht. Wir haben dann etwas daraus gemacht. In Amerika lief der Film dennoch nicht so gross, jedoch in Europa lief er einigermassen. Es benötigte trotz allem etwa zehn Jahre, damit er die Anerkennung bekam, die er heute hat. Zu diesem Zeitpunkt sah ich den Film mit meinem ältesten Sohn Amedeo nochmals. Ich war überrascht und fand ihn tatsächlich witzig. Ich sprach mit Ethan und Joel Coen, pitchte ihnen einige Ideen und sie lachten darüber. Sie machen jedoch keine Vorsetzungen von Filmen, die ihnen wirklich wichtig sind. Viele Fans fragten mich immer öfters über meine Rolle aus, da sie eigentlich so klein war im Film. Ich begann zu überlegen und zu testen, was funktionieren könnte.

Wie hat es dann funktioniert? Ich dachte mir, dass es funktionieren könnte, wenn man über einen Mann erzählt, der nie ganz erwachsen wurde. Denn bei THE BIG LEBOWSKI sind die Figuren erwachsen. Im jetzigen Film leben sie im Moment und geniessen den ebenfalls. Wir waren eigentlich alle Mistkerle (lacht). Ich werde älter und dachte mir, entweder mach ich es oder ich mache es nicht. Es war mir möglich, also habe ich es gemacht. Es ist ein Charakter, den man in die verschiedensten Situationen stecken kann und dabei Spass mit ihm hat. Ich war froh, dass ich den Film und die Rolle machen konnte. Es ist eine Reise, die von 1988 zu 1997 und schlussendlich heute geführt hat. Es gibt einfach diese Charaktere und Rollen, wo man sich denkt, sie sind noch nicht vollständig ausgeschöpft. Zudem scheint es in diesem Fall den Menschen zu gefallen. Also bin ich glücklich darüber.

Wie sie sagten, dreht es sich darum, dass die Charaktere noch nicht ganz erwachsen sind. Doch im echten Leben werden wir oft zu schnell seriös und erwachsen… Oh ja, das ist so.

Wie haben Sie selbst sichergestellt, dass Sie in Ihrer Karriere Ihr inneres Kind behalten konnten? Das Leben schlägt einem nieder. Es schlägt einem richtig zusammen. Man wird älter, müder und hat viel mehr Verantwortung. Was ich versuche, ist diesen Teil von mir bei meiner Arbeit zu schützen und dabei nicht zynisch zu werden. Wann immer ich Projekte mache, die ich liebe, befreit es mich in dieser Hinsicht ein wenig. Manchmal habe ich auch Dinge gemacht, die ich nicht zu hundert Prozent geliebt habe, dennoch versuche ich dabei frei zu sein. Auf jeden Fall ist es sehr wichtig. Sonst wird man sehr schnell alt, hat alle Antworten, weiss was man tut und so weiter. Ich liebes nach wie vor mein inneres Kind spielen zu lassen. Wenn man das machen kann, dann hat man die Möglichkeit sehr tolle Dinge zu tun. Ansonsten gibt man es weg und versucht nur noch Freunde und andere zum Lachen zu bringen. Deshalb ist es wirklich wichtig, dass innere Kind zu schützen.

Denken Sie es gibt noch einen anderen Grund? Viele Menschen werden so ehrgeizig, dass sie eine gewisse Menge an Menschlichkeit zurücklassen. Manchmal habe ich vielleicht ein bisschen zu viel von meinem inneren Kind noch in mir. Doch mir ist es lieber etwas zu viel als andersherum. Wenn man im Leben steht und damit verbunden bleibt und Dinge selbst macht, dann hilft dies ebenfalls. Der erste Impuls etwas zu werden, kommt aus dem inneren und nicht aus dem Ehrgeiz heraus. Es gibt selten eine vollständig gerade Strasse zum Ziel. Ich habe selbst schon vieles ausprobiert und oft nährt das eine das andere. Wenn man lernt, macht dies Spass.

Hat Sie etwas von früher inspiriert, vielleicht etwas, das sie gelernt haben? Die Adaptionsversion, die ich für meinen Film verwendet habe, ist LES VALSEUSES. Ich selbst habe ihn mit etwa 18 Jahren gesehen. Er hat mich umgehauen. Vieles in dieser Zeit haute mich um. Ich war schockiert, lachte aber gleichzeitig. Ich liebte den Verstand des Charakters. Er setzte sich wirklich mit Freiheit und dem unterbewussten auseinander. Ich mag es, wenn Menschen dies tun. Es gibt ebenfalls die Menschen, die genaustens vorschreiben, wie etwas zu sein hat. Für mich ist es so oft zu viel. Man kann sich nach Grossartigkeit strecken, doch man muss sich zuerst mit seiner Menschlichkeit auseinandersetzen. Manche Menschen sind in dieser Angelegenheit einfach zu viel für mich. Ich liebe es, wenn Mensch frei und lustig sind. Wenn man beispielsweise Jeff Bridges in THE BIG LEBOWSKI nimmt. Heute spricht jeder über diese Performances, doch damals machte er dies nicht wegen den Awards oder sonst irgendetwas. Dennoch folgen die Leute dem Charakter The Dude als wäre er Ghandi oder so (lacht).

Das ist doch toll oder finden Sie nicht? Im realen Leben, wenn ein College-Student den Film und den Charakter sieht, will er genauso wie The Dude sein. Es ist zwar nicht wirklich möglich so zu leben wie er, doch es bringt schon viel, wenn man es sieht. Ich kenne Leute, die sehr nahe an dieser Art von Leben ihr eigenes führen. Die haben zwar auch andauernd Probleme und fragen nach Geld oder anderem (lacht). Dennoch hat es etwas an sich, wenn man es sieht. Normalerweise wird dieses Verhalten mit jüngeren Menschen verbunden. Doch The Dude war nicht mehr so jung und die Charaktere in JESUS ROLLS sind ebenfalls nie richtig erwachsen geworden. Darin ist etwas Befreiendes. Im echten Leben bin ich ein verantwortungsvoller Mensch, doch bei meiner Arbeit bin ich etwas ungehemmter.

Sie können also Dinge tun, die Sie sonst vermutlich nicht tun würden… Ja, ich darf mir Dinge erlauben, die ich im echten Leben nicht machen könnte. Wenn ich es im echten Leben tun würde, dann wäre ich im Gefängnis oder ähnliches (lacht). Oder ich wäre sogar Persona non grata (schmunzelt).

Was gefällt Ihnen selbst am Film noch? Ich mag das Zwischenmenschliche der Beziehung der Dreien im Film. Es hat einen leichten französischen Hauch. Es gibt etwas grossartiges an Trios in Filmen. Klar, Duos sind ebenfalls toll. Doch dieses Trio hat einfach dieses gewisse Etwas an sich. Mein Zahnarzt, der meine Wurzelbehandlung machte, sah den Film dreimal. Es bringe ihn zum Lachen und er habe es während Covid geschaut. Das bedeutete mir enorm viel. Ich bringe ihm ein wenig Freude in dieser Zeit. Ab gewissen Dingen hätte er sich fast zu totgelacht. Es ist so, gewisse Dinge im Film sind wirklich übertrieben.

Haben Sie uns ein Beispiel dafür? Für die beiden Männer ist das Bild, wie man mit einer Frau zusammen ist, nicht wie bei anderen Menschen. Sie können die Frau nicht befriedigen, doch sie versuchen es wenigstens. Das gefällt mir. Die beiden scheitern, weil die Frau nicht in ihrer Liga ist, sondern weit über ihnen. Viele Männer denken über solche Dinge gar nicht nach, sondern nur über ihre eigene Befriedigung. Die beiden im Film versuchen es zumindest, dennoch sind sie von Beginn an zum Scheitern verurteilt. Sie sind einerseits zu dumm, doch gleichzeitig sind sie in ihrer verrückten Art sehr fürsorglich. Ich mag diese Art von Wesen. Betrand Blier hat das ein paar Mal in seinen Filmen gemacht. Es war richtiggehend befreiend. Ich fragte mich dann immer, ob das alles sei. Ich wollte zeigen, wie es noch besser ginge. Natürlich konnte mein Charakter das nicht (lacht). Die Beiden denken von sich selbst als Meister. Wie wenn einer behauptet, er könne die Toilette reparieren, doch dann endets in einer Katastrophe. Das amüsiert einem.

Was hat Sie am Ende am Projekt überzeugt? Einige Komödien heutzutage können gewisse Punkte ansprechen, bei welchen ernstere Filme einem vor den Kopf schlagen. Ernstere Filme sollten genauso eine Portion Humor besitzen, die grossartigen tun es. Das war der Impuls für das ganze Projekt. Ich bin interessiert an Beziehung. Die sexuelle Orientierung spielt für mich keine Rolle. Mir ist wichtig, wie die Menschen sich verbinden. Es gibt etwas magisches, wenn sich Menschen verbinden. Nicht unbedingt der sentimentale Teil des ineinander Verliebens, sondern eher der tatsächliche Vorgang. Davon würde die Welt mehr vertragen. Es gibt wenige Filme, die das eigene Verständnis dieses Konzeptes herausfordern. Das wäre jedoch gut, wenn es das gäbe. Sogar wenn es einem unangenehm wird oder zum Lachen bringt (lacht). Man beginnt nachzudenken und merkt, dass man vielleicht tatsächlich etwas zugeknöpft ist (schmunzelt). Gerade Männer sind sehr besitzergreifend und eifersüchtig. Die Hauptcharaktere im Film nicht, das gefällt mir.

Als Ihr Charakter den Bowlingball leckt, sagt man ihm nach, das sei sein Stil. Haben Sie etwas, dass sich in Ihrer Karriere zu Ihrem persönlichen Stil entwickelt hat? Nein, nicht wirklich. All diese Dinge in THE BIG LEBOWSKI kam aus den Köpfen von Joel und Ethan Coen und sie erzählten mir davon. Ich war begeistert und gleichzeitig überrascht, da ich nicht viel zu tun hatte. Sie waren sich sicher, dass ich in den Sitzungen schon Ideen dazu haben würden. Sie arbeiten normalerweise mit diesen grossen Storyboards. Also begann ich meine Ideen beizufügen und wir alle hatten Inputs, die wir anfügten. Eigentlich machte ich die Dinge nur, weil ich sie zum Lachen bringen wollte, weil sie meine Freunde sind. Die Ideen stammen also aus der Beziehung zu meinen Freunden, weil ich sie lachen sehen wollte. Sie sind immer so vorbereitet, scharfsinnig und schlau, dass ich sie einfach überraschen wollte. Für einen anderen Regisseur würde ich dies nicht tun, auf keinen Fall. Wenn ich in einem relaxten Umfeld bin, dann will ich solche Dinge tun.

Oft haben Regisseure ebenfalls eine Vision... Ja, viele Regisseuren wollen jedoch genau ihre Vision umsetzen ohne Wenn und Aber. Das bewirkt nur, dass man sich zurückzieht und darauf achtet, wo man steht und läuft. Bei jemand anderem erlaubt man sich auch verrückte Dinge zu tun. Sogar, wenn es schlechte Ideen sind, wird es in Ordnung sein. Deshalb macht man es, um jemanden zu schockieren oder zu überraschen (schmunzelt). Vielleicht ist das eine Art Stil von mir, dass ich gerne jemanden überrasche. Es kann auch auf eine dezente Art und Weise sein. Man will dem Regisseur etwas zurückgeben, so wie er etwas gegeben hat. Es gibt einfach diese Menschen, wo man dies so nicht spürt. Ich kann also nicht behaupten, ich hätte eine bestimmte Methode Dinge zu tun. Ich mache meine Vorbereitungen und gebe mein Bestes. Für bestimmte Menschen hat man einfach noch mehr und denkt vielleicht auch ausserhalb der Box. Man weiss einfach, dass diese Menschen einem nicht bremsen. So entstehen Dinge, von denen man noch 25 Jahre später davon spricht.

Das ist sehr selten, wenn man das noch sagen kann… Oh ja, sehr selten. Es gibt Dinge, die Schauspieler in den Filmen machen, bei welchen ich oft sage, das werde ich nie vergessen. Beispielsweise wie Gena Rowlands in GLORIA einem Mann die Pistole ins Gesicht hält und ihm sagt: «Du hast dich von einer Frau schlagen lassen». Das war unglaublich und man erinnert sich noch heute.

Das sind unvergessliche Momente… Ja, definitiv. Es sind einfach diese Momente. Es muss noch nicht einmal etwas Grosses sein, solange man überrascht wird. Es kann auch physisch sein, wie ein Rückenkratzen, dass man nie vergisst. Darauf hin arbeitet man irgendwie. Diese eine Sache, die noch lange in Erinnerung bleibt.

Oft wird einem im Alter gesagt, dass man für gewisse Dinge nun zu alt sei oder nicht mehr machen könne… Diese Stimmen muss man ausblenden. Das kann nervend sein.

Können Sie sich an einen Moment erinnern, wo Ihnen dies gesagt wurde und Sie dann dagegengehandelt haben? Meine Mutter hat mich immer unterstützt und nie verurteilt, was ich mache. Das ist vermutlich einer der Gründe, weshalb ich heute ein Freak bin. Sie hat mir nie gesagt, du solltest dies nicht machen. Aufgrund dessen habe ich keine Angst solche Dinge zu tun. Wenn etwas nicht funktionierte, dann sagte sie immer, ich hätte es zumindest versucht. Das eines der Besten Dinge, die man als Eltern tun kann. Den Kindern einen Sinn für ihren eigenen Wert zu geben. Nicht im übertriebenen Masse natürlich, doch einfach im Sinne, dass sie nie Angst haben zu versagen. Das man die Dinge tut, die einem kitzeln. Dadurch erlangt man viel grössere Entdeckungen. Das ist zumindest meine Meinung. Ich hoffe, dass die Menschen den Film schauen werden und dass sie davon überrascht werden. Und natürlich, dass sie ihn mögen. Ich werde nicht das grosse Geld machen damit, doch das ist nicht wichtig. Mir ist wichtig, dass die Menschen den Film schauen und ihn geniessen werden.

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