I, Tonya

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Comedy

Interview: Andrew Warne

Margot Robbie: «Dass das eine wahre Geschichte ist, war ein Schock»

TORONTO Mit THE WOLF OF WALL STREET hat sich die Australierin in die A-Liga katapultiert. Spätestens mit SUICIDE SQUAD ist sie nun ein Teil der Grossen auf der Leinwand. Mit I, TONYA und ihrem Portrait von der Eiskunstläuferin Tonya Harding, die durch das Attentat an ihrer Konkurrentin Nancy Kerrigan bekannt wurde, erhielt sie nun auch ihre erste Oscar®-Nomination als beste Hauptdarstellerin. Im Interview mit kinowetter erzählt sie vom Film, von Tonya und ihrem Debüt als Produzentin.

Margot Robbie, brauchte es tatsächlich zwei Australier, damit man diese schwarze Komödie machen konnte? So scheint es oder (lacht)? Es wirkt so extrem amerikanisch, obwohl es von zwei Australiern erzählt wird. Aber ehrlich gesagt, ich weiss es nicht.

Hätte der Film auch als reines Drama funktioniert oder war der komödiantische Teil notwendig? Ich liebte die unkonventionelle Struktur dieser Geschichte ab dem Moment als ich das Skript zum ersten Mal gelesen habe. Das ist es, was es spannend macht. Menschen klinken sich schneller aus, wenn es ein Biopic ist. Bei Tonyas Geschichte dachten wohl alle, dass sie alles schon gehört haben und kennen. Man hätte sich daher bei einem normalen Biopic gelangweilt. Jedoch der Film und der Aufbau sind einzigartig und fühlen sich originell an. Man erhält alle Blickwinkel und kann so ein viel grösseres Statement machen. Am Schluss des Tages dreht sich der Film nicht um den Vorfall selbst, sondern um das Leben von jemandem. Aber auch um die Wahrheit und dass Menschen sich Geschichten erfinden, um mit ihrer eigenen Wahrheit zurecht zu kommen.

Wie bereits gesagt, dreht sich der Film nicht nur um den Vorfall selbst. Allerdings war er zu dieser Zeit mehr als nur schockierend… Ja, ich habe es leider total verpasst. Ich war damals vier Jahre alt und lebte in Australien. Ich weiss, dass die News bis nach Australien kamen. Doch ich war wohl zu jung, um davon etwas mitzubekommen. Ich habe es wirklich total verpasst und dachte zuerst, dass es fiktional ist und komplett erfunden. Ich war schockiert, als ich herausfand, dass es eine wahre Geschichte ist.

Es muss so viel Spass gemacht haben, Tonya "Redneck" Harding zu spielen - oder besser gesagt "White Trash", wie sie von vielen genannt wurde. Es war grossartig. Denn das aussergewöhnliche war, dass Tonya von sich selbst behauptet ein Rotnacken zu sein. Sie sagte es auch immer wieder: „Ich bin ein Rotnacken.“ Sie versucht es nicht zu verstecken und man kann es im Film auch klar erkennen. Sie war so gar nicht das, was die Eiskunstlaufszene eigentlich als Bild einer amerikanischen Eiskunstläuferin sehen wollte. Tonya jedoch weigerte sich diesem Bild, das sie glaubten eine Eiskunstläuferin müsse sein, nachzugeben. Das liebe ich so an ihr. Sie ist immer noch die genau gleiche und würde immer noch dort sitzen und sagen, dass sie ein Rotnacken sei und was man daran ändern müsse. Das wiederrum macht es für mich als Schauspielerin interessant. Du spielst nicht eine Rolle, bei der du versuchst irgendetwas zu entschuldigen. Man spielt nicht entschuldigend und ist sehr laut mit seinen Meinungen. Das ist wirklich toll.

Sie haben sich mit Tonya getroffen. Inwieweit war das notwendig und hat Sie sogar vorangebracht? Ich musste sie als Charakter ansehen und wollte nicht, dass mein Job darin besteht eine reale Person zu kopieren. Wenn ich darauf aus gewesen wäre, dann wäre ich vermutlich zu ängstlich gewesen, um mutige Entscheidungen zu treffen. Und sie ist eine sehr mutige Person und sagte nur, was sie dachte. Wenn ich immer alles so gemacht hätte, dass es „real“ wirkt, dann hätte ich vermutlich aus dem Charakter nicht viel herausgeholt. Ich hätte einfach alles schöngesprochen und den Geist von Tonya total verpasst. Deshalb war für mich so wichtig, damit ich nichts zurückhielt. So konnte ich das Gute und das Schlechte zeigen. Denn wie das Leben ist, haben Menschen gutes und schlechtes in sich. Das Schöne, das Tragische, die Heiterkeit, das Absurde, die Ernsthaftigkeit, das Raue, die Stärke, die Elastizität, all diese Dinge, die sie hat, muss man sehen können. Ich hätte das nicht geschafft, wenn ich versucht hätte sie zu kopieren.

Die Geschichte ist ein bisschen absurd und schon fast chaotisch, nicht? Ja, es ist eine wilde Geschichte (lacht). Klar, es ist irgendwie in dieses globale Weltphänomen eskaliert, das irgendwie alle aufgesogen haben zu dieser Zeit. An einem Punkt im Film machen wir ein Statement zu den Medien und wie wir als allgemeines Publikum sie konsumieren. Denn was wir in die Welt hinaussetzen, wird aufgesogen. Ich denke nicht, dass irgendjemand die schwierigen Fragen stellt, sondern jeder will nur die einfachen Antworten. Dabei gehen wir ohne Beurteilung weiter zum nächsten und merken nicht, dass wir währenddessen das Leben und die Karriere von Menschen zerstören. Das war gerade ein totale Schwere zum Schluss (lacht). Aber nein wirklich, wir sind alle irgendwie schuldig. Ich selbst mache es ja auch ohne zu realisieren, dass ich nichts beurteile.

Dieser Film ist für Sie das Debüt als Produzentin. Wieso haben Sie sich gerade bei I, TONYA dafür entschieden mit zu produzieren? Wir haben in unserer Firma nach Material gesucht, das eine weiblichen Hauptrolle hat, unabhängig vom allgemeinen Zeitgeschmack funktioniert und sich auch originell anfühlte. Dieses Skript hat all diese Checkboxen abgehakt. Kompliziert, faszinierende weibliche Hauptrollen im Zentrum und in einem sehr originellen Set Feeling. Normalerweise sucht man Sachen, die man mit anderen Filmen vergleichen kann und sagt sich dabei, wenn dieser gut lief, dann klappt’s mit unserem auch. Doch dieses Skript konnte man mit nichts vergleichen. Es gab nichts, was ich bis dahin je gelesen habe, dass so war. Aber genau das war der Grund, es zu machen. Dieser Grund gab uns auch unsere zusätzliche Begeisterung fürs Projekt. Es waren einfach all die Checkboxen, die wir als Firma gehofft hatten in einem Skript zu finden.

Wie schwer war es wirklich den Ton zu treffen in diesem Film? Sehr schwierig. Wir haben mit einer Liste von ca. 150 Regisseuren begonnen und schlussendlich fanden wir Craig Gillespie. Hätten wir ihn nicht gefunden, hätten wir den Film vermutlich nicht gemacht. Denn wir wussten, dass wir diese Person finden musste, die uns genau sagen konnte, wie wir den Ton zu treffen haben und wie er oder sie sich vorstellt, dass der Film auszusehen hat. Ansonsten hätten wir die Geschichte nicht erzählt. Das Skript war nämlich nicht für Interpretationen gemacht, sondern hatte klare Angaben. Und dann kam Craig.

Was zeichnete Craig Gillespie aus, dass Sie sagen er und kein anderer? Er kann dem Publikum ein Charakter so näherbringen, dass man sich mit ihnen identifizieren kann, obwohl man eigentlich nicht wirklich etwas gemeinsam hat. Zudem hat er in der Werbung gearbeitet und ist daher sehr schnell. Er hat auch sehr eng schon mit Agenturen gearbeitet, die auf visuelle Effekte spezialisiert sind. Das sind die Faktoren, die den Film ebenfalls zu dem machen, was er ist. Schliesslich ist er kein Low-Budget-Film oder ist nur in drei Räumen gefilmt. Wir haben die Olympiade, die massenhaften Zuschauer, die unglaublichen Stunts, die auch Gesichtsaustausch benötigen, all diese vielen Dinge, doch Craig konnte all das über die Grenze hinausmachen.

Wir kommen in die Award-Saison. Wie ist es für Sie, wenn Sie an diesen Aspekt denken? Es ist grossartig. Schon nur die Tatsache, dass man den Film schauen kann und dass die Leute ihn auch sehen wollen, ist toll. Mir wäre es noch egal, wenn die Leute ihn nicht mögen würden, solange sie ihn verstehen können. Für mich spielt das mögen keine Rolle, wir wollten nur erreichen, dass er verständlich ist. Denn es ist eine sehr persönliche Erfahrung dieser Film. Craig Gillespie wollte, dass die Leute sich wirklich über eine Situation ihre Gedanken machen konnten. Er versucht nicht mit Musik die Leute zu beeinflussen, dass man zu einer bestimmten Zeit etwas Bestimmtes fühlt. Er gibt wirklich alle Informationen und lässt den Zuschauer entscheiden, ob sie den Film angemessen, lustig oder traurig finden. Vielleicht ist es sogar eine Reflektion über die jeweilige Person und wie sie dazu reagiert. Der Film geht nicht davon aus, dass der Zuschauer einfach betäubt da sitzt, sondern sich aktiv beteiligt. Ich liebe solche Filme einfach.

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