Bergers

warm
Drama

Von: Bernard Achour

DER GEWINNER VOM TORONTO INTERNATIONAL FILM FESTIVAL

In prächtigen Bildern feiert die Québecerin Sophie Deraspe mit SCHÄFER, dem besten kanadischen Film beim Toronto International Film Festival, den Wunsch, alle Anker loszulassen, um das Leben zu meistern.

Alles beginnt mit einer Stimme. Eine Kündigungsnachricht, die im Anrufbeantworter eines fernen Chefs hinterlassen wurde, tausende Kilometer entfernt von diesem Hotelzimmer in der Provence. Und da ist Mathyas, ein Werbefachmann aus Montreal, der den hohlen Slogans den Rücken kehrt, um sich als Hirte neu zu erfinden. Ein romantischer Traum, ein grosser Sprung ins Unbekannte? Ja, aber mit SCHÄFER umgeht Sophie Deraspe alle Klischees. Keine Postkartenidylle, keine bucolische Illusion. Nur die rohe Schönheit einer radikalen Entscheidung.

Natur und Entdeckung

Von einer Entscheidung zu einem Film, dazwischen liegt eine Welt - und ein Dreh. Der Dreh von SCHÄFER war ein wahrhaftes Kunststück, ein Eintauchen in die Berge, ins Herz eines fragilen und jahrtausendealten Ökosystems. «Die Worte aus dem Buch des echten Mathyas Lefébure sollten zu einem sensorischen Erlebnis werden», gesteht die Regisseurin. Ziel erreicht! In einem Aufeinandertreffen seltener Bildkraft fängt sie die Euphorie und Melancholie der Abenteuer ein, den Atem der Natur, der alles dominiert, und die Verwundbarkeit eines Mannes im Angesicht dieser Natur. Ein Mann, der von Félix-Antoine Duval mit entwaffnender Ehrlichkeit verkörpert wird. Naiv, aber nicht dümmlich, trägt er den Willen zur Wiedergeburt mit einer Intensität, die ins Herz trifft. «Der Film handelt von einem Mann, der seinen Platz sucht. Und auf diesem Weg wird Liebe zur Selbstverständlichkeit», betont Sophie Deraspe. SCHÄFER ist somit eine doppelte Odyssee: die eines Mannes und die eines Paares, das sich in der Höhe formt.

Das Essenzielle

Weit entfernt von jeder Idealisierung zeigt der Film auch die rauen Realitäten der Hirtenwelt. Die Härte der Arbeit, ihre manchmal grausame Natur, die Absurdität mancher Vorschriften. Das Bild einer Herde, die die Autobahn überquert, fasst alles zusammen: Eine alte Welt, die versucht, in einer modernen Zeit zu überleben, die sie nicht mehr versteht. «Heute Hirte zu sein, ist eine radikale Entscheidung, eine Art, sich am Rand des Systems zu positionieren», erklärt die Regisseurin. Technisch ist SCHÄFER ein Juwel. Die gesamte Fotografie in brennenden Ockertönen und grellem Licht ist meisterhaft. Man spürt die drückende Hitze des Südens, man fröstelt unter den alpinen Bögen. Der Schnitt, fliessend und kontemplativ, lässt die Stille atmen. Der subtile Soundtrack integriert die Geräusche der Natur und verstärkt dieses absolute Eintauchen. Schliesslich gibt es diese wunderbare Szene, die im Moment eingefangen wurde: Ein Schaf, das inmitten der Wanderung ein Lamm zur Welt bringt. Die Mutter verlässt ihr Junges, von ihrem Überlebensinstinkt getrieben. Mathyas kniet sich nieder, hebt das Lamm auf, den Atem eines zerbrechlichen Lebens zwischen seinen Händen. «Da haben wir das Wesen des Films berührt», sagt Sophie Deraspe. Schönheit, Brutalität, Wahrheit - SCHÄFER ist all das gleichzeitig. Ansehen, empfinden, lange nach dem letzten Frame mitnehmen.

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