Wie schon im letzten Jahr mit THE SEED OF THE SACRED FIG hat auch in diesem ein iranischer Film das Cannes Film Festival elektrisiert. Doch diesmal zögerte die Jury nicht, ihm die zu Recht verdiente Goldene Palme zu verleihen.
Alles beginnt mit einem angefahrenen Hund – einem «einfachen Unfall», der das Gleichgewicht einer Familie im Auto erschüttert. Doch für Arbeiter Vahid, der ihnen zu Hilfe eilt, weckt der Klang des mechanischen Beins des Fahrers einen Albtraum: Er glaubt, «La Guibole» wiederzuerkennen, seinen Folterer aus dem Gefängnis. Aus diesem Zweifel entwickelt sich eine Spirale aus Entführungen und schwindelerregenden Debatten: Soll man den Henker hinrichten, auf die Gefahr hin, sein Spiegelbild zu werden? Oder ihn verschonen und riskieren, dass sich die Geschichte wiederholt?Ein Schrei der Revolte
Regisseur Jafar Panahi erklärt seinen persönlichen Bezug zum Film: «Ich mache Filme entsprechend dem, was ich erlebe, und was ich im Gefängnis erlebt habe, konnte darin nur Platz finden», erklärt Panahi. Tatsächlich entsprang die Idee zu IT WAS JUST AN ACCIDENT direkt seinen sieben Monaten Haft im Jahr 2022, in denen er den Alltag von Oppositionsgruppen, von Arbeitern, die für ihre Löhne protestierten, und von Frauen, die den Schleier mutig ablehnten, miterlebte. Der Film schöpft hier aus echten Zeugnissen und macht den Krimi zu einem politischen Pamphlet. Auf der Leinwand ein Volk zu zeigen, das zweifelt, diskutiert, lacht und sich widersetzt, ist bereits ein Akt des Widerstands. Frauen ohne Schleier, Dialoge über Rache und Gerechtigkeit: Alles in diesem illegalen Film zielt darauf ab, offen die Methoden des islamischen Regimes und die Barbarei seiner Wärter anzuprangern. «Ich verdankte ihnen diesen Film», sagt der Filmemacher. «Er entstand aus ihrem Schmerz ebenso wie aus meinem.»
Ein Genremix
Und doch, weit entfernt von schwerfälligem Kino, verwandelt Panahi dieses Material in ein Spektakel. Die Plansequenzen vibrieren, die Spannung verdoppelt sich durch absurde Running Gags, eine Braut im Tüllkleid oder ein Fotograf mischen sich in die Verfolgung ein, man lacht über unerträgliche Situationen. «Ich wollte, dass der Rahmen am Ende alle einschliesst, trotz ihrer Zwistigkeiten», präzisiert der Regisseur. Das ist sein Sieg: Ein Pamphlet gegen die Diktatur in eine unwiderstehliche schwarze Komödie zu verwandeln, die daran erinnert, dass man «über das Schlimmste lachen kann», ohne es zu beschönigen.
Indem Cannes seine Palme A SIMPLE ACCIDENT verleiht, würdigt das Festival nicht nur einen grossartigen Film, sondern auch einen Akt des Mutes – ein Lachen ins Gesicht der Peiniger. Man verlässt den Kinosaal benommen, tief bewegt, beflügelt. Ein solches lebendiges, freies Kino lässt sich nicht diskutieren: Es wird gefeiert.