The Good Liar - Das Alte Böse

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Drama

Interview Ian McKellen, Helen Mirren

Interview: Raya Abirached

Helen Mirren: «In den Strassen von London zu drehen, war fabulös»

LONDON In «The Good Liar - Das alte Böse» schlüpft Ian McKellen in die Rolle eines Betrügers, der sich Frauen annähert und dabei keine romantischen sondern hinterlistigen Ziele verfolgt. Wir trafen ihn und Co-Star Helen Mirren zum Interview und haben u.a. erfahren, wie wichtig echte Schauplätze bei einem Filmdreh sind und weshalb schüchterne Regisseure meist keine guten sind.

Die Drehphase fand in Grossbritannien statt. Spielt es für Sie eine Rolle, ob ein Film in der Nähe von Ihrem Zuhause oder ganz woanders auf der Welt gedreht wird? Ian McKellen: Für mich war es sehr erfreulich, diesen Film an einem realen Schauplatz zu drehen, da so was einige Überraschungen mit sich bringen kann. Ich erinnere mich da an eine Szene, in der sich Helens Figur mit der meinen in Piccadilly zu einem Tee verabredet. Unser Regisseur rief "Action", woraufhin wir die Szene gespielt haben. Dann hiess es "Cut!" und wir mussten wieder auf Anfangsposition. Doch alle anderen Personen um uns herum kamen mit. Wir waren zwar an einem echten Schauplatz, aber all die Leute dort waren es nicht.
Helen Mirren: Man braucht selbst an einem echten Schauplatz Schauspieler, damit man dieselbe Szene noch einmal identisch drehen kann (lacht).
Ian McKellen: Und einmal habe ich am Time Square, also mitten in New York, gedreht. Da gab es künstlichen Regen und andere Täuschungen. Als wir den ersten Take vollendeten, wurde der gesamte Verkehr auf seine Anfangsposition gebracht. Sogar der war gefaked.

Gab es so was auch bei diesem Film? Helen Mirren: Nein, so was gab es bei uns nicht. Ian und ich wohnen beide in London, wobei er nicht von hier ist. Aber es ist ein absoluter Luxus, nach einem Drehtag nach Hause gehen zu können, wo sich all deine Sachen befinden. Zuhause zu drehen, ist eine Seltenheit.
Ian McKellen: Genau, wir konnten quasi dort arbeiten, wo die meisten Menschen arbeiten: in der Nähe von ihrem Zuhause.
Helen Mirren: Diesen Film in London zu machen, war fabelhaft. Für mich war es aber sehr wichtig, ihn an einem Ort zu drehen, den die Leute sofort wiedererkennen. Die Geschichte spielt in London und wirkt daher trotz der Thrills ziemlich authentisch.

Wie ausschlaggebend war das Drehbuch, um Ihr Interesse zu wecken? Ian McKellen: Das Drehbuch steht an erster Stelle. Ich bereue keinen meiner Filme - bis auf einen. Das kam daher, weil ich einmal unbedingt mit einer gewissen Person zusammenarbeiten wollte. Es handelte sich um Celia Johnson, einem grossen Star aus ihrer Zeit. Ich konnte einfach nicht fassen, dass ich dazu in der Lage sein würde, mit ihr zu sprechen und im selben Film mitzuspielen. Das war total aufregend. Doch zu meiner Enttäuschung verbrachte sie die meiste Freizeit mit dem Lösen von Kreuzworträtseln, weswegen ich nie wirklich mit ihr ins Gespräch kommen konnte. Zudem habe ich meine Rolle nicht besonders gut gespielt, wodurch ich leider einsehen musste, einen Fehler gemacht zu haben. Daher muss man sich als erstes immer am Drehbuch orientieren.
Helen Mirren: Wobei du das Drehbuch in diesem Fall auch nicht gelesen hast.

Stimmt das, Ian McKellen? Ian McKellen: Das stimmt (lacht). Da war ich wie Judi Dench, die auch nie Drehbücher liest. Dies war mein vierter Film mit Regisseur Bill Condon. Jeder Schauspieler, der seine Filme sieht, will in seinem nächsten mitspielen. Als er auf mich zukam und sagte, er habe eine Rolle für mich, habe ich sofort angebissen. Ich wollte nicht einmal wissen, wie gross der Part wird, sondern nur, wann wir beginnen.
Helen Mirren: Wenn Bill Condon mich in den nächsten sechs Monaten anruft und mir einen Part anbietet, werde ich ebenfalls umgehend anbeissen.

War der Film eine grosse Herausforderung oder sind Sie inzwischen routiniert? Helen Mirren: Es ist immer eine Herausforderung, weil man stets ein bisschen nervös ist und es nicht verbocken will. Mit Ian zusammenzuarbeiten, war schon ein wenig einschüchternd. Doch wann auch immer ich ein neues Projekt beginne, komme ich leicht ins Schwitzen. Da Ian und ich vom Theater kommen, wo es immer sehr harmonisch zu und her ging, haben wir aber zum Glück schnell wieder zu dieser Atmosphäre zurückgefunden. Russell Tovey oder Jim Carter waren einfach tolle Co-Stars.

Sehen Sie das auch so, Ian McKellen? Ian McKellen: Ja, es hat sich wie ein Urlaub mit Freunden oder Familienmitgliedern angefühlt. Aber so was spürt man generell immer auf einem Set von Bill Condon. Er ist extrem gelassen, hat alles unter Kontrolle, erhebt niemals die Stimme gegen dich und vermittelt dir auch nicht den Eindruck, schnell genervt zu sein. Ich hatte natürlich nie Einblick in seine Gedanken, aber uns gegenüber verhielt er sich immer sehr ruhig. Wobei er nach einem Take schon mal zu dir rüber kommt, um dich auf eine verheerende Sache aufmerksam zu machen: "Das nächste Mal bitte nicht mehr so leise." Aber als Schauspieler will man ja auch ehrliche Worte hören. Bill teilt dir sein Feedback mit und nimmt dich anschliessend wieder in den Arm.

Als gestandene Schauspieler wissen Sie aber ohnehin, was Sie auf einem Set zu tun haben, oder? Helen Mirren: Man benötigt trotzdem einen Regisseur. Jemand muss den Mut fassen und dir genau das sagen, was du hören musst. Man braucht keinen, der sich vor unserem Status fürchtet, weil wir etablierte Schauspieler sind. Solche Menschen sind nicht dazu in der Lage, dich zu navigieren und dir zu helfen.
Ian McKellen: Manche Projekte kommen einfach nie zum Brodeln. Man wirft zwar alle Zutaten in den Topf, aber für den Geschmack braucht es dennoch immer noch einen Chef. Immerhin stellt ein Regisseur den Film fertig, wenn die Schauspieler längst nicht mehr involviert sind. Bill Condon hat mal den Oscar für das beste adaptierte Drehbuch gewonnen. Das für den Film "Gods and Monsters", in dem ich ebenfalls mit von der Partie war. Wenn man eines seiner Drehbücher liest, weiss man, dass auch genau dieses verfilmt wird. Das ist faszinierend.

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